TL;DR
Too Long, Don't Read? Kein Problem: hier geht es zum Promptcast đ
Normalerweise braucht man fĂŒr eine ĂŒberzeugende Managementstudie ein globales Beratungsunternehmen, 1.719 Befragte aus 97 LĂ€ndern und vermutlich mehr PowerPoint-Folien, als ein durchschnittlicher Drucker wĂ€hrend seines gesamten Lebens verkraftet.
Oder man liest it's promp.td.
Das ist natĂŒrlich nicht ganz ernst gemeint. McKinsey besitzt eine empirische Reichweite, die ein unabhĂ€ngiger Blog nicht bieten kann. Die neue Studie âThe State of AI in 2026: On the Road to ROI" beruht auf einer weltweiten Befragung vom Mai und Juni 2026 und zeigt, wie weit Unternehmen bei Nutzung, Skalierung und wirtschaftlicher Verwertung von KI tatsĂ€chlich gekommen sind.
Ein kleines bisschen ernst gemeint ist es trotzdem. Denn McKinseys Zahlen beschreiben erstaunlich genau mehrere Probleme, deren Mechanismen auf it's promp.td bereits frĂŒher analysiert wurden. Und einige Fragen, die hier lĂ€ngst gestellt werden, tauchen im Messmodell der Studie noch gar nicht auf.
89 Prozent nutzen KI â aber wo bleibt der ROI?
89 Prozent der befragten Organisationen nutzen KI regelmĂ€Ăig in mindestens einer GeschĂ€ftsfunktion. 44 Prozent skalieren sie bereits unternehmensweit. Trotzdem schreiben nur 37 Prozent der KI ĂŒberhaupt einen positiven EBIT-Beitrag zu â praktisch genauso viele wie 2025. Lediglich 6 Prozent (!) gelten als âAI High Performers" mit mindestens 5 Prozent EBIT-Wirkung und signifikantem Wertbeitrag.
Auf individueller Ebene sieht es ganz anders aus: 80 Prozent berichten von höherer persönlicher ProduktivitÀt, rund die HÀlfte von besseren Entscheidungen und neuen FÀhigkeiten.
Das ist kein Widerspruch. Es ist der Unterschied zwischen einer beschleunigten Aufgabe und einem verbesserten Unternehmen. Wer eine PrĂ€sentation statt in einem Tag in einer Stunde erstellt, sie anschlieĂend aber weiterhin durch sieben Freigabeschleifen und vier Meetings schicken muss, hat seine Aufgabe optimiert â nicht den Prozess.
Oder, wie es hier bereits 2025 hieĂ:
It's always the Process, Stupid!
KI repariert keinen schlechten Workflow. Sie lÀsst ihn nur schneller Unsinn produzieren.
Dahinter steckt die POC-Falle: Ein Tool wird entdeckt, ein Team baut einen beeindruckenden Proof of Concept, das Management applaudiert â und danach passiert erstaunlich wenig. Denn ein POC beantwortet nur, ob eine Technologie unter Laborbedingungen etwas kann. Nicht, ob ein Unternehmen seinen realen End-to-End-Prozess, seine Rollen, Daten und Anreizsysteme so verĂ€ndern kann, dass daraus dauerhaft Wert entsteht.
McKinseys High Performer bestĂ€tigen genau das: Fast drei Viertel von ihnen haben ihre Workflows durch KI grundlegend neu gestaltet â unter den ĂŒbrigen Unternehmen nur etwa ein Viertel. Zudem sind sie 3,3-mal hĂ€ufiger auf eine grundlegende Transformation des GeschĂ€fts ausgerichtet statt auf bloĂe Effizienz.
Die Erfolgreichen installieren KI also nicht in die bestehende Organisation. Sie verÀndern die Organisation.
Der entscheidende Skalierungsgegenstand ist nicht das Modell, der Prompt oder der Copilot. Es ist der neu entworfene End-to-End-Prozess.
McKinsey hat dafĂŒr jetzt die Balkendiagramme geliefert. Danke â die waren hier nicht im Budget. đ
Coding verĂ€ndert âBuild or buy"
Auch die These, dass Coding die Killer-App der generativen KI wird, erhĂ€lt bemerkenswerte UnterstĂŒtzung.
Etwa ein FĂŒnftel der Unternehmen skaliert bereits Coding-Agenten; bei Unternehmen mit mehr als einer Milliarde US-Dollar Umsatz sind es 31 Prozent. Noch wichtiger: 32 Prozent haben auf mindestens einen Softwarekauf verzichtet, weil sie die benötigte Funktion mit agentischen Coding-Tools intern entwickeln konnten. Bei den High Performern ist es fast die HĂ€lfte.
Das bedeutet mehr als âEntwickler programmieren schneller". Es verĂ€ndert die Softwareökonomie. Wenn individuelle Software gĂŒnstiger entsteht, mĂŒssen Unternehmen nicht mehr jedes Prozessproblem in eine Standardlösung pressen. Die Frage verschiebt sich von âWelche Software können wir kaufen?" zu âWelchen Prozess brauchen wir â und welchen Teil davon können wir selbst erzeugen?"
Damit wandern Budgets möglicherweise von Lizenzen zu interner Prozesslogik, Integration, Architektur und QualitÀtssicherung. Genau diese Verschiebung hatte it's promp.td vorhergesagt.
Agenten sind Organisationsdesign
Bei GroĂunternehmen ist der Anteil derjenigen, die KI-Agenten in mindestens einer Funktion skalieren, innerhalb eines Jahres von 27 auf 40 Prozent gestiegen. Bei kleineren Unternehmen blieb er mit 22 Prozent nahezu unverĂ€ndert.
Die interessante Frage ist aber nicht nur, ob Agenten kommen. Sie lautet: Was geschieht, wenn Software nicht mehr nur antwortet, sondern zu einem handelnden Teilnehmer der Organisation wird?
Ein Agent benötigt Kontext, SystemzugĂ€nge, Rollen, Berechtigungen, Eskalationsregeln, ĂŒberprĂŒfbare Zwischenschritte und eine klare Grenze zwischen autonomem Handeln und menschlicher Entscheidung.
Genau diese organisatorische Reife findet McKinsey hÀufiger bei den High Performern: Human-in-the-loop-Regeln, Risikomanagement, Wirkungsmessung, strategische Personalplanung, Workflow-Redesign und semantische Datenstrukturen. In den meisten untersuchten Funktionen skalieren sie Agenten mehr als dreimal so hÀufig wie andere Unternehmen.
Agentic AI ist deshalb kein gewöhnlicher Software-Roll-out. Es ist Organisationsdesign.
Ein Agent ohne Kontext, Rechte und Kontrolle ist schlieĂlich kein digitaler Mitarbeiter. Er ist ein sehr eloquenter Praktikant, dem jemand versehentlich den GeneralschlĂŒssel gegeben hat.
Jetzt wird die Prompt-Steuer sichtbar
McKinsey stellt auĂerdem fest, dass KI-bezogene Betriebskosten einschlieĂlich Tokens die Nutzung bereits bei 20 Prozent der Organisationen einschrĂ€nken â bei High Performern besonders beim intensiven Einsatz von Coding-Agenten. Gleichzeitig planen 60 Prozent, ihre KI-Investitionen weiter zu erhöhen.
Damit wird ein Problem sichtbar, das hier als Prompt-Steuer beschrieben wurde: Wenn ein Unternehmen bei jedem Aufruf dieselben Regeln, Beispiele, Dokumente und Erfahrungen an ein externes Modell ĂŒbermitteln muss, bezahlt es immer wieder dafĂŒr, der KI das eigene Unternehmen zu erklĂ€ren.
Sinkende Tokenpreise lösen das nicht automatisch. Kontextmengen, Reasoning-Schritte, Agentenschleifen und Nutzung können schneller wachsen als die StĂŒckkosten sinken. AI ist nicht âtoo cheap to meter".
Die relevante Kennzahl ist daher nicht der Preis pro Million Tokens. Es sind die Kosten pro korrekt abgeschlossener Prozessinstanz â einschlieĂlich Wiederholungen, Kontrolle, Integration und menschlicher Nacharbeit.
McKinsey misst nun das Symptom. Die strukturelle Frage dahinter lautet: Wie lange will ein Unternehmen sein eigenes Wissen auf Abruf zurĂŒckmieten?
Was McKinsey noch nicht misst
Hier ist PrĂ€zision wichtig. Wenn eine Studie eine These nicht bestĂ€tigt, gibt es drei mögliche GrĂŒnde: Die These ist falsch. Das PhĂ€nomen ist noch nicht sichtbar genug. Oder die Studie hat gar nicht die Kategorien erhoben, mit denen man es erkennen könnte.
Bei mehreren Thesen von it's promp.td trifft vor allem der dritte Punkt zu:
- McKinsey misst, ob Unternehmen spezialisierte AI-Tools nutzen â aber nicht, ob kleine Spezialmodelle bei Routineprozessen wirtschaftlicher arbeiten als Frontier-Modelle.
- Die Studie misst AI-Betriebskosten â zerlegt sie aber nicht nach wiederholtem Kontext, RAG, Fine-Tuning, lokalem Betrieb oder Eigentum an Modellen und Feedbackdaten.
- Sie misst den Gesamt-Headcount â aber nicht, ob Einstiegsaufgaben verschwinden und die Kompetenzpipeline erodiert.
Letzteres ist die hier beschriebene âSeniorisierung der Junioren": 2025 erwarteten 32 Prozent einen KI-bedingten PersonalrĂŒckgang; eingetreten ist er 2026 nur bei 14 Prozent. Das widerlegt die These aber nicht â sie handelt nicht von Massenentlassungen, sondern von der Karriereleiter. Wenn KI Recherche, Standardcode und erste Analysen ĂŒbernimmt, bleibt der Headcount zunĂ€chst stabil, wĂ€hrend genau die Aufgaben verschwinden, an denen Berufseinsteiger bisher gelernt haben. McKinsey zĂ€hlt Köpfe. Die spannendere Frage lautet:
Woher kommen kĂŒnftig die Senior-Köpfe, wenn die Junior-Aufgaben verschwinden?
McKinsey misst Symptome â it's promp.td beschrieb Mechanismen
McKinsey zeigt sehr gut, was geschieht. it's promp.td hatte in mehreren FĂ€llen frĂŒher beschrieben, warum es geschehen wĂŒrde.
Ein kurzer Beipackzettel: McKinseys Studie basiert ĂŒberwiegend auf SelbstauskĂŒnften, die High-Performer-Gruppe umfasst nur 92 Befragte, und Korrelation ist auch in einer hĂŒbschen Grafik keine KausalitĂ€t. Umgekehrt wird eine Blogthese nicht zur empirischen Forschung, nur weil spĂ€tere Daten zu ihr passen. Seriös ist der Vergleich nur, wenn frĂŒhere Aussage, Veröffentlichungszeitpunkt und spĂ€terer Befund nachvollziehbar nebeneinanderstehen â einschlieĂlich der Prognosen, die offen oder falsch sind.
Die belastbare Behauptung lautet deshalb nicht, McKinsey schreibe hier ab. Das wĂ€re Unsinn â wenn auch ausgesprochen schmeichelhaft. đ Sie lautet:
McKinseys Daten von 2026 stĂŒtzen mehrere ErklĂ€rungen zur KI-Implementierung, die auf it's promp.td zuvor formuliert wurden. Andere Thesen reichen ĂŒber das Messmodell der Studie hinaus und bleiben ĂŒberprĂŒfbare Prognosen.
Warum kann ein Blog hier schneller sein? Nicht wegen besserer Daten â im Gegenteil. Eine groĂe Befragung braucht stabile Begriffe und ausreichend verbreitete PhĂ€nomene; sie arbeitet a posteriori. Ein analytischer Blog kann ex ante fragen: Wenn Technik, Kosten und Organisationslogik in diese Richtung laufen â welches Problem entsteht morgen daraus? Das ist schneller, aber auch riskanter. Deshalb gilt: Prognosen dokumentieren, Treffer nicht mit Gewissheit verwechseln, IrrtĂŒmer genauso sichtbar machen wie BestĂ€tigungen.
Was vermutlich als NĂ€chstes kommt
Besonders interessant ist McKinseys Beobachtung, dass High Performer hĂ€ufiger eine semantische Datenschicht oder einen Knowledge Graph verwenden. Ein Knowledge Graph beantwortet die Frage: Wie machen wir unser Unternehmenswissen fĂŒr KI zugĂ€nglich? Denn Frontier-Modelle kennen das Internet â nicht Ihr Unternehmen, nicht seine ungeschriebenen Regeln, vergangenen Entscheidungen und kundenspezifischen Ausnahmen.
Der Beitrag âIntelligence Ownership wird zum Business Case" denkt das weiter. Die nĂ€chste strategische Frage lautet nicht nur, wie das Wissen zur KI gelangt, sondern wo die daraus entstehende Intelligenz lebt und wem sie gehört. Solange der Kontext bei jedem Vorgang erneut an ein fremdes Modell ĂŒbertragen wird, bleibt das Unternehmen Mieter seiner eigenen Intelligenz.
Der nĂ€chste Reifegrad dĂŒrfte in einer hybriden Architektur liegen:
- Frontier-Modelle bearbeiten seltene, offene und kreative Aufgaben.
- Knowledge Graphs und RAG liefern aktuelle, ĂŒberprĂŒfbare Fakten.
- Kleine Spezialmodelle lernen hÀufige, klar messbare Entscheidungen.
- Agenten orchestrieren die Komponenten entlang des Prozesses.
- Menschen kontrollieren Ausnahmen und folgenreiche Entscheidungen.
Der nachhaltige Vorteil liegt dann weniger im Namen des Basismodells. Modelle werden austauschbarer. Nicht austauschbar sind die gelabelten Urteile der eigenen Experten, Taxonomien, Ausnahmeregeln und Feedbackschleifen â kurz: das institutionelle GedĂ€chtnis.
Darum lautet die nĂ€chste Frage nach âBuild or buy?" möglicherweise:
Welche Intelligenz dĂŒrfen wir mieten â und welche sollte uns gehören?
Was nun?
Die Studie macht vor allem eines deutlich: Die erste Phase der Enterprise AI ebbt ab. Der Zugang zu Tools ist nicht mehr das Problem â 89 Prozent nutzen KI bereits irgendwo. Die zweite Phase beginnt mit unangenehmeren Fragen:
- Welcher vollstÀndige GeschÀftsprozess soll sich verÀndern?
- Welche Schritte werden abgeschafft â nicht nur beschleunigt?
- Wie wird individuelle Zeitersparnis in Umsatz, Marge oder bessere Leistungen ĂŒbersetzt?
- Welches institutionelle Wissen benötigt die KI dauerhaft?
- Welche Entscheidungen darf ein Agent treffen â und wer kontrolliert das Ergebnis?
- Was kostet ein korrekt abgeschlossenes Ergebnis, nicht bloĂ ein Token?
- Wie entstehen morgen Experten, wenn KI heute die AnfĂ€ngerarbeit ĂŒbernimmt?
Wer auf diese Fragen nur mit dem Namen seines bevorzugten Modells antwortet, hat keine KI-Strategie. Er hat ein Abonnement.
Vielleicht fragt McKinsey in einer kommenden Studie deshalb nicht mehr nur nach Knowledge Graphs, Agenten und Tokenkosten, sondern nach eigenen Spezialmodellen, Trainingsdaten, Expertenlabels und einer Strategie fĂŒr Intelligence Ownership. Wenn es so weit ist, werden die Leserinnen und Leser von it's promp.td das Thema bereits verinnerlicht haben. đ
Denn 2025 startete ich das Leitmotiv:
It's always the Process, Stupid!
2026 kam die ErgÀnzung:
But it's also the Data. And in the end, it's about who owns your Intelligence.
Gleiche Richtung. Weniger Slides. Etwas frĂŒher veröffentlicht.
Und, nun ja ⊠fĂŒr lau. đ
